Das Hotel Victoria in Rom | Hotel Victoria Roma

Das Hotel Victoria in Rom

Zur Geschichte eines Hotels und einer Schweizer Hotelierfamilie

In der Ewigen Stadt kann der Gast unter mehr als 1000 Hotels wählen – eines davon ist das Hotel Victoria. Seit über 100 Jahren existiert das Traditionshaus nun schon, was vor allem der Beharrlichkeit und dem Qualitätsbewusstsein einer Schweizer Familie geschuldet ist.

Es ist nicht leicht heutzutage, große und großartige Hotels zu finden, die noch von Familien geführt werden. Meist gehören die 4- und mehr Sterne-Hotels mit mehr als einhundert Zimmern weltumspannenden Konzernen. So auch in Rom – doch in Rom gibt es Ausnahmen, aber sie sind an einer Hand abzuzählen. Eine Ausnahme, eines dieser familiengeführten, größeren Hotels der Stadt liegt gleich an der Aurelianischen Mauer, in Rufweite zur Villa Borghese, zwei Gehminuten südwestwärts steht man auf der mondänen Via Veneto, die wir aus Fellinis „La dolce vita" kennen.

Wer das Hotel Victoria betritt merkt gleich, dass hier etwas anders ist: Die Wände. Ob in der Lobby und weiter in der Bar und im Restaurant, auf allen Gängen und Zimmern, die Wände des gesamten Hotels werden veredelt durch Bilder aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Nie würde der Manager einer Hotelkette auf die Idee kommen, sein Haus zu einem derartigen Ort der Kunst zu machen. Anders Rolf H. Wirth, der Besitzer des Hotels, ein Enkel des Gründers Gottlieb Heinrich Wirth. Hausherr Rolf H. Wirth ist Kunstkenner und Kunstsammler, er ist Schweizer und doch auch Römer, wuchs hier auf, ist der Stadt und der Landschaft des Latium sehr verbunden. So wird der Gast zurückhaltend mit historischen Szenen Stadtpanoramen Roms und seiner Landschaft empfangen. Sie erzählen Geschichten, vermitteln Geschichte, hüllen ein in den geografischen Kontext und sind schließlich auch Teil der bewegten Geschichte des Hotels.

Diese Geschichte ist verknüpft mit der Familie Wirth – eine Hotelierfamilie mit langer Tradition. Ohne diese Geschichte wäre das Hotel, wie es der Gast heute erlebt, nicht denkbar. Wenn man so will, beginnt sie mit Gottlieb David Wirth (1800 - 1839), der im Salzhandel tätig war, bis er die Tochter des Gastwirts "Zum Hirschen" in Maulach, Württemberg heiratete und damit ins Gastgewerbe eintrat. Ihm folgte sein Sohn Friedrich Wirth (1830 -1885) als Gasthofbesitzer und Bierbrauer, daneben war er Zolleinnehmer an der Grenze zu Ansbach im damals so zerstückelten Deutschland. Die Weltläufigkeit der Familie Wirth wird mit diesem Friedrich Wirth geboren, schickt er doch seine sage und schreibe elf Kinder in die Welt hinaus, damit sie sich bilden und ihren eigenen Weg finden. All die Wege jener Kinder zurück zu verfolgen, wäre ein spannendes Unterfangen. Im Zusammenhang mit dem Hotel Victoria soll es jedoch genügen, wenn man sich auf den erfolgreichsten Sohn beschränkt.

Gottlieb Heinrich Wirth (1858 - 1937) machte aus der Freiheit, die ihm sein Vater ließ und dem Anspruch, den jener an ihn stellte, das Beste: eine Bilderbuch-Karriere als Hotelier. So führte ihn sein Weg in die bekanntesten Hotels in der Schweiz, nach England, zurück nach Deutschland, von dort aus nach Italien und 1879 zum ersten Mal nach Rom. Da war er erst 21 Jahre alt. Der erste berufliche Mittelpunkt seines Lebens wurde Luzern und dort die Bürgenstock-Hotels des Hotel-Pioniers Franz Josef Bucher, dessen Tochter Christine Bucher er 1887 heiratete. Später wird Gottlieb Heinrich Wirth Generaldirektor und Aktionär der Bucher-Durrer-Gesellschaft, welche in Europa mehrere Hotels baute, kaufte und pachtete.

Das südlichst gelegene Hotel der Gesellschaft lag mit dem „Semiramis" in Kairo, die nördlichsten Hotels wurden in Basel, Luzern und Lugano eröffnet. Gottlieb Heinrich Wirth steuerte fortan die Hotelgruppe über die Drehpunkte Luzern und Rom, wo er zunächst das Hotel „Minerva", später dann das „Quirinale" betreute. Beide Häuser existieren heute noch, werden allerdings nicht in familiärer Hoteliertradition geführt. Nach Schwierigkeiten mit den Erben und Mitaktionären der Bucher-Durrer-Gruppe verließ Gottlieb Heinrich Wirth die Gesellschaft und half seinen fünf Kindern, eigene Hotels zu bewirtschaften oder zu erwerben.

Rom und seine Wirth-Hotels

Im Jahr 1921 mietete Gottlieb Heinrich Wirth zusammen mit seinem Sohn Oscar, seinem Bruder Ernst und dem in München geborenen Franz (Francesco) Nistelweck das 1889 gegründete Hotel Eden an der Via Ludovisi. Später kauften Wirth und Nistelweck das Eden, welches dann vom jungen Oscar Wirth geführt wurde. Auch heute existiert das Eden noch, gehört aber längst zu einem weltweit agierenden Konzern. Drei Jahre nach dem Kauf des Eden erwarb Gottlieb Heinrich Wirth dann das Haus, in dem die Schweizer Hotelierfamilie nun in dritter Generation die Zügel in der Hand hält: Das 1899 als Appartementhaus errichtete und von ihm zum Hotel umgebaute und vergrößerte Hotel Victoria.

Bleiben wir noch kurz beim Eden, das von Oscar Wirth geführt wurde. Jener Oscar Wirth baute von 1938 bis 1944 oberhalb der Spanischen Treppe anstelle der bis dahin unbedeutenden Pension "Roma e New York" ein Hotel. Es wurde als "Hassler / Villa Medici" gerade rechtzeitig fertig gestellt, um die Amerikanischen Stäbe einzuquartieren, die eben Rom eingenommen hatten. Das Hotel Hassler ist somit, neben dem Victoria, das zweite Hotel in Rom, das im Besitz der Familie Wirth ist. Es wird heute von Oscars Sohn Roberto Wirth geführt.

Doch nun zum Hotel Victoria. Gottlieb Heinrich Wirth kaufte es, um für sich und seine jüngsten Kinder Henry Alberto und Lotti ein Standbein zu haben. Henry Alberto war erst 27 Jahre alt, als sein Vater 1937 starb. Drei Jahre zuvor war ihm die Führung des Hotels übertragen worden. Obwohl Henry Alberto Wirth in Italien aufgewachsen war, war er in seinem Geist Schweizer. Neben seinem Beruf als Hotelier widmete sich dieser Schweizer Geist verschiedenen Organisationen, die zum Wohle der Stadt und der Verbindung zwischen den beiden Ländern wirkten. So stellte er sich nach dem zweiten Weltkrieg als Präsident des Dono Svizzero (der Schweizerischen Gesellschaft zum Wiederaufbau Italiens) zur Verfügung, gründete zusammen mit seiner Frau Elly die Schweizer Schule Rom, war Mitbegründer der APRA (Römischer Hotelierverein) und für den Tourismus Vertreter Italiens im BIT (Bureau International du Travail, in Genf) sowie der Vertreter der Hoteliers in der Confindustria (dem italienischen Arbeitgeberverband).

Das Hotel Victoria im Zweiten Weltkrieg und was dann folgte

Die protestantischen und schweizerischen Wirths waren alle weltoffen, demokratisch und liberal. So auch Henry Alberto und Elly Wirth, als sie während des Zweiten Weltkrieges in ihrem von den Deutschen besetzten Hotel Antifaschisten und Juden versteckten. Diese Toleranz ging dann sogar so weit, dass sie während des Rückzugs der Deutschen aus Rom auch zwei jungen deutschen Leutnants Unterschlupf gewährten und sie so vor der Lynchjustiz retten konnten.

Nach dem Krieg wurde das Hotel Victoria aus der gleichen Weltsicht heraus geführt. So wurde es auch zur Römer-Heimat von russischen Musikern, die im Ausland die Freiheit vor dem Kommunismus suchten. Der Komponist, Dirigent und Cellist Mstislaw Rostropovich gehörte beispielsweise dazu. Henry Alberto Wirth hatte in den berühmtesten Hotels Europas seinen Beruf erlernt und dabei schon früh das Hotel als Ort des kulturellen Lebens und Austausches erlebt. Reisenden Musikern mit dem Hotel den Ort zur Entfaltung zu bieten und so auch Freundschaften mit ihnen einzugehen, war eine Tradition, die es zu fortzuführen galt. Schon seine Mutter Alberta Waelly, der zweiten Frau von Gottlieb Heinrich Wirth und Hoteliertochter aus dem Grand Hotel Magglingen bei Biel, hatte ihn so erzogen. So war er langjähriger Präsident und Förderer von zwei Konzertorganisationen Roms, des Coro Polifonico Romano und des Oratorio del Gonfalone. Letztere widmete sich der Barockmusik und führte zum ersten Mal in Rom Musik von Johann Sebastian Bach auf. Wo sie es konnten, unterstützten und beherbergten Henry Alberto Wirth und seine Frau ein Leben lang Musiker.

Schon die Auflistung einiger Musiker-Freunde und Kunden der Familie Wirth liest sich wie ein Vademecum des Musiklebens des 20. Jahrhunderts: Vladimir Ashkenazy, Sergiu Celibidache, Emil Gilels, Walter W. Gieseking, Paul Hindemith, Leonid Kogan, David und Igor Oistrach, Svjatoslav Richter, Rudolf Serkin oder Mstislav Rostropovich sowie noch lebende Musiker wie unter anderen die argentinische Pianistin Martha Argerich oder Maestro Theo Loosli. Stets spielten diese Musiker ihre Übungen während des Romaufenthaltes auf dem Flügel, der in der Privatwohnung der Familie Wirth im Hotel steht – und tun es noch heute. Heute wird diese Wohnung zeitweise bewohnt durch die jetzigen Besitzer Rolf H. Wirth und Vera von Falkenstein-Wirth und ihren Familien.

In der frischen Brise der Villa Borghese

Das 1899 erbaute Haus liegt gleich hinter der antiken Aurelianischen Mauer, die das Hotel vom belebten Corso d'Italia abschirmt. In wenigen Gehminuten ist die großartige Via Veneto zu erreichen und auch für den Besuch der berühmtesten Einkaufsstraßen und Sehenswürdigkeiten im historischen Zentrum Roms wählen viele Gäste den Fußweg anstatt Auto oder öffentliche Verkehrsmittel. Während des ganzen Jahres steht der auf der anderen Seite der Aurelianischen Mauer gelegene Park der Villa Borghese dem Victoria als Frischluftlieferant zur Verfügung. Kaum ein römisches Volkslied lässt den Ponentino aus, den frischen Abendwind, der aus der Villa Borghese kommend Fenster und Terrasse des Hotels streicht. Dieser Park ist nicht zuletzt ein großzügiges Areal zum Laufsport oder gemütlichen Spaziergang, etwa zur Spanischen Treppe oder zur Piazza del Popolo. Dank der Ruhe um das Hotel und der frischen Luft aus dem nahen Park bietet das Victoria den Luxus, sogar bei offenem Fenster schlafen zu können. Neben der Lage auf einem der Hügel Roms am Rande des historischen Zentrums hebt sich das Victoria als traditionsreiches Erstklassehaus noch aus anderen Gründen von den zahllosen Hotels der Stadt ab: Das Restaurant „Belisario" serviert klassische italienische Speisen und römische Spezialitäten in feiner Kochkunst neu interpretiert. Auf der Weinkarte sind ausschließlich italienische Weine, darunter meist autochthone Tropfen aus diversen Weinanbaugebieten Italiens zu finden, nicht selten entdeckt durch den Chef selbst und immer dem Brauch der „best buys" folgend, also hohe Qualität zu vertretbaren Preisen zu präsentieren. Tradition und Moderne geben jeweils ihr Bestes. In der warmen Jahreszeit werden die Restaurantgäste auf der größten Dachgartenterrasse Roms empfangen, Aug in Aug mit den gewaltigen Pinien der Villa Borghese, die Stadt zu Füßen, der Großstadtverkehr ist hier oben nicht mehr Lärm, er wird vielmehr zur entfernt summenden, typischen Melodie der Metropole. Und nicht zuletzt ist das ganze Hotel von der Lobby bis zu den Zimmern in der 5. Etage eine große Galerie - 500 Bilder aus dem 17. bis 19. Jahrhundert zieren die Wände mit städtischen und ländlichen Szenen Roms und der Landschaft des Latiums. Doch war all das nicht immer so.

 

Haus ohne Hüter, Banker ohne Banken

Mit steigendem Lebensalter investierte Henry Alberto Wirth nur noch das Nötigste in das Hotel. Besonders der Tod seiner Frau Elly im Jahr 1984 bedeutete eine Zäsur, denn sie war die Ökonomin im Hotel gewesen. Henry Alberto Wirth blieb Hotelier im Sinne eines weltoffenen Gastgebers, doch das Fehlen der Geschäftsfrau hinterließ Spuren. So blieb das Hotel viele Jahre auf einem Standard, der sich zusehends entfernte von den steigenden Anforderungen, die ein 4-Sterne-Hotel aktuell erfüllen musste. Nach dem Tod von Henry Alberto Wirth stand das Hotel im Jahr 2000 führungslos da. Es war dann wohl eine Verquickung von Pflichtgefühl und Traditionsbewusstsein, aber auch von Ehrempfinden und Unternehmergeist, die den Ältesten in der Familie antrieben, das Schicksal des Hotels in die Hand zu nehmen. Rolf H. Wirth hatte gerade seine Bankerkarriere beendet und entschied mit Unterstützung seiner Geschwister und seines Schwagers Dr. Rainer von Falkenstein als Vertreter der fünften Generation die Hoteliertradition der Familie Wirth fortzuführen und das in die Jahre gekommene Hotel auf Vordermann zu bringen. Der Weg vom Mitglied der Geschäftsleitung einer internationalen Bank (Deutsche Bank Schweiz AG) zum Hotelier war dabei nicht so holprig, wie man vermuten könnte. Der neue Chef war im Hotel aufgewachsen, während der Ferien des Jurastudiums ließ er sich an der Hotelfachschule Luzern und in mehreren Hotels ausbilden. So fehlte im Jahr 2000 nichts, um das Victoria mit Professionalität, dem starken Willen zum Erfolg, von Jugend an gelebtem Gastgebertum und großer Freude an gutem Essen und Trinken in eine sichere Zukunft zu führen.

Doch war diese sichere Zukunft abhängig von umfangreichen Modernisierungsmaßnahmen, die eine Unmenge Geld verschlingen sollten. Plötzlich sah sich der ehemalige Banker in einem wirtschaftlich äußerst schwierigen Umfeld den Tücken der Refinanzierung durch die Banken ausgesetzt.

Vom Dunkel ins Licht

Wer heute die freundlich hellen Zimmer, Empfangs- und Speiseräume genießt, kann sich kaum vorstellen, dass noch bis vor nicht allzu langer Zeit ein jahrzehntelanger Modernisierungsstau lichtlos auf den Wänden klebte. Die Korridore waren finstere Gänge, traurige Grünpflanzen versperrten Sicht und Weg, der römischen Sommerhitze in den Zimmern konnte nur mit römischer Wärme von draußen begegnet werden, nachts, wenn man die Fenster öffnete. Klimaanlagen gab es nicht und auf welche Matratzen sich der Gast bettete, kann man sich dann auch vorstellen.

Vor diesen schier überwältigenden Aufgaben hätte so mancher die Waffen gestreckt – doch wahrscheinlich war es die lange Tradition der Hotelierfamilie, die den Banker kreativ und angriffslustig werden ließ. Unterstützt durch eine Handvoll treuer Mitarbeiter ließ er die gesamte Infrastruktur des Hotel Victoria in hohem Tempo von Grund auf erneuern. So wurden in die über einhundertjährigen Gemäuer die Kanäle für die neue Lüftung, Heizung und Kühlung verlegt. Wie im ganzen Hotel wahrte Rolf H. Wirth auch beim Umbau der Bäder den architektonischen und innenarchitektonischen Stil der damaligen Zeit. Was diesen Hotelchef besonders auszeichnet ist sein eigenes Engagement dabei. Für viele Bereiche sparte er sich den Architekten und tüftelte selbst, etwa um Nischen und tote Winkel für Wandschränke und Schminktische zu nutzen. Auch die Materialien, vom Bodenbelag über Tapeten, Türknauf bis zur Nachttisch- und Wandlampe, suchte der Patron selbst aus. Seine Idee war es, die alten Korridore nicht zu begradigen und den Charme vergangener Zeiten mit einem sonnengelben toskanischen, gewachsten Wandputz hell und freundlich wieder aufleben zu lassen. Beim Kauf neuer Matratzen war der von Rückenschmerzen nicht verschont gebliebene Chef allerdings geradlinig - und nahm die besten. Er wusste: Kommentare über die Betten sind die schnellsten Lauffeuer in der Hotellandschaft, vor allem die über die schlechten.

So begann jeder Tag aufs neue ein Kampf gegen die zugenähten Taschen der Banken und die Tücken des römischen Schlendrians. Bis heute ist es ein Kampf geblieben – den Rolf H. Wirth bisweilen auf eigene Faust für sich entscheidet. So ließ er gegen den zu tiefen Wasserdruck der Stadt Rom zusätzlich dezentrale Pumpen montieren und reaktivierte eine alte tiefe Wasserfassung. Und als Liebhaber guter Weine ließ er den teils zugemauerten Weinkeller in den alten Mauern neu erstehen. Anders als vielleicht vermutet verfügen nur wenige Hotels in Rom über den Schatz eines alten Weinkellers. Jahr um Jahr wird weiter erneuert und veredelt und weil Rolf H. Wirth dabei jeden Franken und Euro zweimal umdreht, geschieht vieles in akribischer, harter Kleinarbeit.

Lukullus ist im Belisario zu Gast

„Panza mia fatti capanna" sagt der Römer gerne im Angesicht einer guten Mahlzeit. „Mein Bauch, weite Dich zur Hütte..." wird dem Gast auch im Belisario über die Lippen kommen. Jedenfalls hat der Genussmensch Wirth beim Füllen der Speisekarte ebenfalls nach neuen Wegen gesucht und die traditionelle italienische und römische Küche im hoteleigenen Restaurant Belisario in einen frischen Wind gestellt. Auch hier fühlt sich der Schweizer der Tradition verpflichtet, der gekonnte Pfiff in den Gerichten verrät dabei allerdings Kreativität, einen eigenen Stil. Beim Trinken bleibt Rolf H. Wirth ebenso ganz Italiener. Jeder Wein, der hier ausgeschenkt wird, kommt aus Italien und jeder Tropfen hat vorher seine Zunge passiert. Dabei ist sein Gespür für „best buys", also nach guten, aber erschwinglichen Weinen ebenso beachtlich wie seine Ausdauer bei der Suche nach autochthonen, einheimischen Weinen. Der Weinkeller des Victoria kann sich, die Grappa-Auswahl eingeschlossen, mit den besten der Stadt messen, ohne allerdings die Geldbörsen über Gebühr zu erleichtern.

Doch geht es Rolf H. Wirth beim Essen und Trinken nicht nur um das Wie und Was, sondern auch um das Wo. So findet der Gast während der warmen Jahreszeit einen der schönsten Plätze Roms zum Speisen und Trinken im Victoria – oder besser auf dem Victoria. Zu einem seiner Hobbies zählt Rolf H. Wirth die Botanik und den Gartenbau. Daher sitzt man auf der größten Restaurant-Dachterrasse Roms nicht nur unter freiem Himmel und fernab von Lärm und Abgasen, sondern auch in einer Sammlung verschiedenster Pflanzen, die wir aus dem Garten kennen, vielleicht aber auch nur von Bildern: Rosen und Gardenien, Bougainvillea und Rosmarin, Palmen und Jasmin, Azaleen, Granatapfel- und Zitronenbäume und vieles mehr. Dezentere Duftspender, charmantere Raumteiler, unaufdringlichere Hingucker kann man sich kaum vorstellen. Nach den Stunden in der quirligen Großstadt ist es eine Wohltat, in einer angenehmen Distanz, doch ganz bewusst inmitten der Stadt den Tag hier oben ausklingen zu lassen.

Diesen Tag hat man in Rom oder in der Landschaft des Latium verbracht. Bei vielen Gästen stellt sich ein Gefühl von Zuhause ein, wenn sie in die Lobby des Hotels treten, dabei aber nicht schnurstracks zum Aufzug eilen. Sie schlendern durch die Salons, bleiben für einen Drink an der Bar, nehmen für ein Stockwerk vielleicht das Treppenhaus und überall fällt ihr Blick auf die römischen Szenen der Gemäldesammlung. Neben der Dachterrasse, von der aus man Rom einmal aus ganz anderer Perspektive genießen kann, macht diese Gemäldesammlung das Hotel Victoria zweifellos zu einer einmaligen Herberge. Man muss kein Kunstkenner sein, um dies wertschätzen zu können. Vielleicht muss man nur die Kunst beherrschen oder die Muße haben, sich bewusst zu werden über den Wert von Ort und Zeit des Augenblicks. In diesem Hotel sind die Verlockungen für die immer seltener werdenden Mußestunden leise – aber unüberhörbar.

Peter Schmidt, Journalist, Deutschland

Aufarbeitung historischer Unterlagen: Dr. Rainer von Falkenstein, Autor, Schweiz

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